Was macht Lenzkirch-Kappel eigentlich so reizvoll?

Diese Frage werden sich schon viele gestellt haben, und auch an mich wird sie oft gerichtet. Ich will versuchen, sie zu beantworten, so weit mir das möglich erscheint. Dazu vorab einige nüchterne Anmerkungen:
Bollenhüte, Kuckucksuhren, "die Mühle klappert am rauschenden Bach" - und dazu bläst der Wind durch dunkle Tannenwälder. Ist das die ursprüngliche unberührte Natur? Diese sentimentalen Klischees machten den Schwarzwald immerhin zum bekanntesten deutschen Mittelgebirge und vermitteln dennoch nur ein weit von der Wirklichkeit entferntes Bild. Dem Bollenhut begegnet man nur noch auf Trachtenfesten, der Kuckucksuhr in Heimatmuseen und Andenkenläden, und die klappernde Mühle steht entweder im Freilichtmuseum oder wurde zum Wochenendhaus umgebaut. Ein sehr negatives Beispiel wäre die Schattenmühle nach ihrem Neuaufbau (das alte Gebäude war abgebrannt). Rauschende Bäche hingegen findet man reichlich, dunkle Tannenwälder dagegen haben nur ein partielles Vorkommen. - Aber dennoch: Ein kleines Stückchen und zeitweise kann man immerhin in dieser Romantik schwelgen und sich seinen Träumen hingeben, sofern man es versteht, abzuschalten.

Es gibt sicherlich noch kleinere und einsamere Orte in Deutschland. In Kappel jedoch herrscht aufgrund seiner Südhanglage eine besondere Harmonie, die - wie in der Fotografie auch - den berühmten "Goldenen Schnitt" bildet und daraus eine Art anheimelnde Atmosphäre erzeugt. Und aufgrund dieser Südhanglage scheint in Kappel die Sonne am längsten, wie mir auch der Lenzkircher Journalist Manfred G. Haderer versicherte. Es gibt Menschen, die schon über 50 mal dort waren und fast hier schon einen "zweiten Wohnsitz" haben.

Als noch wesentlich einsamer freilich könnte man die Ortschaft Grünwald betrachten, dessen einzige Gaststätte schon lange geschlossen und der Inhaber verstorben ist. Dort trifft man durchaus auch noch die Oma an, die mit dem Nachbarn draußen auf der Bank vor dem Haus sitzt. Dort ist die Welt - im wahrsten Sinne des Wortes - noch "mit Brettern zugenagelt".

Wie kommt man nach Lenzkirch-Kappel?

In der Regel benutzt man die A 5 bis zur Abfahrt Freiburg-Mitte (verzweigt, auf richtiges Einordnen achten). Wer von Freiburg aus durch das wildromantische Höllental nach Kappel fährt, musste  sich früher auf einige Verkehrsstaus in Freiburg gefasst machen. Für die sechs Kilometer zur Durchquerung Freiburgs (etwa bis Abzweigung nach St. Peter) war man nicht selten eine Stunde unterwegs.  Doch das ist weitgehend vorbei: Nur noch zwei Kreuzungen gilt es zu überqueren; dann gelangt man in das weitläufige neue Tunnelsystem und erreicht im Handumdrehen die Eingangspforte zum Höllental. Man kommt hier übrigens an dem berühmten "Hirschsprung" vorbei; der Kiosk, den es hier früher gab, ist allerdings schon lange geschlossen. Die  B31 ist auf dieser Etappe teilweise zweispurig ausgebaut. Vorsicht ist allerdings geboten bei den sehr engen und steilen Straßenkehren (teilweise Beschränkung auf 10 km/h), die hinter dieser Ausbaustrecke beginnen.
Überhaupt ist diese Anfahrt die Schönere. Kleiner Tipp: Nicht die erste Ausfahrt nach Lenzkirch nehmen (was zwar etwas kürzer ist) sondern weiter fahren bis zur Abfahrt "Neustadt-Mitte". Durch Neustadt (bitte Rücksicht auf Fußgänger) ganz hindurch bis zum Ortsausgang und gleich rechts ab durch das weite Gutachtal unter den Viadukten der Gutachbrücke hindurch über die schmale und wieder kurvenreiche Landstraße (6 km) nach Kappel.
Alternativ besteht auch die Möglichkeit, die Autobahn bei Freiburg-Nord zu verlassen, durch das landschaftlich ebenso sehr reizvolle Glottertal zu fahren, um über St. Peter schließlich wieder die B 31 zu erreichen. Zu den Zeiten, als es die Umgehungsstrecke in Freiburg noch nicht gab, wurde diese Route häufig als Alternative zum total verstopften Zentrum von Freiburg benutzt.

Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass die B31 für viele Menschen, die dort leben, aufgrund derer starker Frequentierung ein Alptraum ist. Entsprechende, handgefertigte Tafeln sind hier und da am Straßenrand aufgestellt, worauf oft massiv nach einer Umgehungstrasse gefordert wird. Bitte unterstützen Sie diese Leute wenigstens ideell, indem Sie nicht zu sehr auf' s Gaspedal treten!

Eine weitere Möglichkeit wäre die Anreise über die Bodensee-Autobahn A 81 (z. B. aus Richtung Stuttgart) über deren eigene Abfahrt Freiburg. Man gelangt von dort ebenso auf die B 31 (Richtung Löffingen) und benutzt ebenfalls die eigene Abfahrt Neustadt-Mitte. Allerdings ist diese Anreise vergleichsweise um 70 Kilometer länger - bezogen auf einen Ausgangspunkt von Frankfurt aus. 

   

Kappel mit seinen rund 800 Einwohnern befindet sich in einer Höhe von rund 900 Metern auf einer weitläufig nach Süden geneigten Geländestufe. Man sieht schon von der Dorfstraße herab auf endlos scheinende geschlossene Nadelwälder, obwohl sich dahinter quasi die Gemarkung Lenzkirch und noch weiter das Gebiet des Schluchsees anschließen. Hinzu kommt noch, dass es in der Ortschaft, in der es bis auf eine Bäckerei, einen Musikladen und kleine Handwerksbetriebe weder Industrie noch Tankstellen und Supermärkte gibt und es selbst mitten an Werktagen weitgehend ruhig zu geht. Selbst von LKW 's wird Kappel wenig durchfahren. Interessant ist, dass es in Kappel sogar ein Pflegeheim für psychisch behinderte Mitmenschen gibt (Haus Dorothee), wovon man allerdings kaum etwas merkt. Die malerisch am gesamten Berghang verteilt liegenden Häuser und Gehöfte mit ihren satten grünen Wiesenmatten bilden einen wirkungsvollen Kontrast, in dem einfach alles zu stimmen scheint.

Architektonische Fehlgriffe gibt es (von Ausnahmen abgesehen) in Kappel kaum und auch kein ungeschickt angelegtes Wege- und Straßennetz; hier passt einfach alles zusammen. Natürlich: Ich betrachte nun Kappel keineswegs nur durch die berühmte "rosarote Brille"; die einheimische Bevölkerung hat sicher auch ihre Sorgen und Nöte. Auch in Kappel ist nicht alles Gold, was glänzt, aber das wird wohl überall so sein. Egal was nun ist:
Schon ein kurzer Spaziergang, z. B durch den Hermann-Eitel-Weg mit dem sich anschließenden Querweg am Ehrenmal vorbei, bietet unvergessliche Ausblicke in einer liebenswerten Umgebung, im Vordergrund manchmal weidendes Vieh. Es ist einfach der optische Blick in die Weite nach Süden, den man sonst nur in  wenigen Ort so finden mag. Zimmer mit Ausblick nach Süden sind in Kappel jedenfalls hoch begehrt - und das ist nicht übertrieben! Selbst bei trüber Witterung erblickt man oft noch Höhenzüge am Horizont; an sonnigen Herbsttagen ziehen am frühen Morgen Nebelschwaden durch die Täler und lassen die unendlichen Weiten nur erahnen. Fast scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein; dabei geht es nur wenige Kilometer weiter in Lenzkirch oder Neustadt schon geschäftiger zu.

Und eine echte "Bauernkneipe" findet man in Kappel auch: Ursprünglich gemütlich, mit kleinen, preiswerten Gerichten und einem "Kappeler Stammtisch", an dem man auch schon mal eingeladen wird. Die nämlich ist das Gasthaus "Blume", dessen Konzept und Struktur lobende Worte im Rahmen der Kür Kappels zu mit "einem der schönsten Orte des Schwarzwaldes" fand.
Selbst an trüben Regentagen ist die Luft immer noch angenehm mild, und in wetterfester Kleidung (die man im Schwarzwald bestimmt braucht), lohnt selbst dann ein kleiner Ausflug.

Wer freilich das große "Remmidemmi" sucht, für den ist Kappel wohl kaum der richtige Aufenthaltsort. Bei Dorffesten, Umzügen und dergl. geht es aber auch dort "voll zur Sache". Und: Sowohl Lenzkirch als auch Neustadt verfügen jeweils über Diskotheken und größere Gaststätten. Für den, der es gerne landschaftlich abwechslungsreich mag, ist Kappel freilich ideal. Auf einer nach Süden geneigten Geländestufe liegt das Dorf auf rund 900 Meter Höhe ü. d. M.

Und überhaupt: Lenzkirch mit seinen Gemeindeorten Kappel, Saig, Raitenbuch und Grünwald hat eine günstige Ausgangslage für Trips in die weitläufige Umgebung. Die Schweiz liegt quasi vor der Haustür; trainierte Radfahrer fahren von hier innerhalb eines Tages in das 52 km entfernt liegende Schaffhausen mit seinem berühmten Rheinfall und von dort wieder zurück. Auch Bergtouren ins Allgäu oder Berner Oberland wären bei frühem Aufbruch durchaus an nur einem Wochenende zu machen. Und ein Abstecher zum Bodensee - z. B. zur Messe nach Friedrichshafen - lässt sich wirklich locker an nur einem Nachmittag schaffen. Dass man auch rasch Freiburg - die Metropole des Breisgau - erreicht, braucht man wohl nicht zu erwähnen.